Sie werden kein Schauspiel sehen.
Ihre Schaulust wird nicht befriedigt werden.
Peter Handke, Publikumsbeschimpfung

 

 

Wer zum erstem Mal einen Auftritt der Bloodyblackredrabbits beiwohnt, erkennt sofort die destruktiven Elemente, die Kritik medialer Perzeption, die dadaistischen Elemente. Zugleich hinterlässt die Performance eine Lücke im Erwartungshorizont: Die Künstler gewähren dem Publikum keine closure; Melodien mäandern über Ganztonleitern oder verweigern die Tonika; Dialoge werden nicht aufgelöst und enden mitten im Satz.

Während politische Kunst allerorts darauf abzielt, aktivierende Emotionen wie Scham, Angst und Wut zu erzeugen, geriert sich hier eine subtilere Gefühlslage einer rituellen Lähmung und Machtlosigkeit, von passiver Aggressivität und Ersatzbefriedigung.  Dem übersteigert zur Schau gestellte „Willen zur Macht“ eines Friedrich Nietzsche folgt die Kritik von Alfred Adler, der diesen zur Überkompensation eines Minderwertigkeitsgefühls erklärt und ihn zum Scheitern verurteilt.

Die Bloodyblackredrabbits zelebrieren so das Gegenteil des Populismus, den Unpop, in all seiner Unannehmlichkeit als ein Leuchtfeuer der individuellen Freiheit. Wie bei allen darstellenden Künsten findet ein Energietransfer statt, nur ist dieser Prozess – wie alles bei den Bloodyblackredrabbits – auf den Kopf gestellt. Anstatt dem Publikum Kraft und Inspiration zuzuführen, wird dem Publikum mit präzise konstruierter Inkonsequenz die Motivation entzogen, bürokratisch verarbeitet, fehlgeleitet und in ein unwiderstehliches Schwarzes Loch gesaugt.

Und doch entfaltet sich eine gesellschaftskritische Wirkung, die nicht agitativ sein will, sondern die Resignation des Publikums reflektiert. Die Ablehnung des Marktliberalismus findet sich in den Zitaten von subkulturellen Genres, seien es die „blind konsumierenden“ Zombies eines George A. Romero oder der innere Leere der Vaporwave-Bewegung. Gleichzeitig wird ein Prozess des Hyperbranding abgebildet, welches Referenzen zu fetischisierten Luxusmarken von Altagamma und dem Comité Colbert zieht. Bedingt durch diese Maximaldistanz zwischen absoluter Ablehnung und größtmöglicher Anbiederung an die Ersatz-Macht von Statussymbolen ergibt sich eine steile Trajektorie mit hyperbolischer Fluchtgeschwindigkeit. Die dazu notwendige Sprungkraft ist nur wenigen Künstlern eigen. Die Bloodyblackredrabbits gehören zu dieser Gruppe.

Sabine Samstag, Düsseldorf 2018

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27. Juni 2018