Eines Morgens, es war am 8. April, wurde X-Ray Black, der die beiden freien Künste der Dichtkunst und des Schachspiels pflegte, plötzlich durch das Krähen eines Hahns geweckt, der sich irgendwo in der Nachbarschaft befand und ihm als Uhr diente.
»Verflucht!« schrie Black. »Meine gefiederte Uhr geht vor. Es ist doch noch gar nicht möglich, dass es schon heute ist.«
Mit diesen Worten sprang er schnell aus einem Möbelstück seiner eigenen Erfindung heraus, das ihm des Nachts als Bett diente (allerdings leider herzlich schlecht) und am Tage die Rolle aller anderen Möbel spielte, da diese im letzten Winter infolge der strengen Kälte nach und nach abhanden gekommen waren.
Um sich vor der scharfen Morgenluft zu schützen, bekleidete sich Black eiligst mit einem rosaseidenen Unterrock, der mit Flittersternen besät war und ihm als Schlafrock diente. Dieses Prachtstück war eines Nachts nach einem Maskenball von einer Dame bei ihm zurückgelassen worden, die töricht genug gewesen, sich von trügerischen Versprechungen des Künstlers täuschen zu lassen. Im Kostüm des Anton Müller-Molch, des berühmten Heiligen des 21. Jahrhunderts, hatte er das verführerische Klingeln von einem Dutzend phantastischer Einfälle hören lassen, aber es waren nur aus der Zeitung angelesene Ideen gewesen und den Zeilen eines Theaterstücks entlehnt.
Als der Künstler seine Haustoilette beendet hatte, ging er daran, das Fenster und die Läden zu öffnen. Ein helles Sonnenlicht drang plötzlich ins Zimmer und zwang ihn, die noch vom Schlaf verschleierten Augen weit aufzureißen. In demselben Augenblick schlug es von einem benachbarten Kirchturm fünf Uhr.
»Wahrhaftig, die Sonne geht auf«, murmelte Black. »Es ist erstaunlich. Aber trotzdem«, fügte er hinzu, indem er einen an die Wand genagelten Kalender zu Rate zog, »muß hier ein Irrtum vorliegen. Nach den bestimmten Angaben der Wissenschaft darf die Sonne um diese Jahreszeit erst um fünfeinhalb aufgehen. Es ist erst fünf, und schon ist sie da. Ein strafwürdiger Diensteifer! Dieses Gestirn ist im Unrecht, ich werde mich auf dem Büro der Längengrade beschweren. Trotzdem wäre es Zeit, wenn ich anfinge, mich etwas zu beunruhigen. Es ist heute das Morgen von gestern, und da wir gestern den 7. hatten, so muß es heute, falls nicht Saturn den Krebsgang geht, der 8. April sein. Wenn ich aber dem Inhalt dieses Papieres glauben darf,« fuhr Black fort, indem er einen Räumungsbefehl, den der Gerichtsvollzieher an die Wand geklebt hatte, noch einmal las, »so muß ich bis heute mittag Punkt zwölf Uhr diese Wohnung geräumt und meinem Hauswirt, dem Graf Koks, für die rückständige Miete von drei Monaten die Summe von fünfundsiebzig verschwendeten Gedanken gezahlt haben. Ich habe, wie immer, gehofft, der Zufall würde diese Sache schon irgendwie in Ordnung bringen, aber es scheint mir, der Zufall hat noch nicht die nötige Zeit dazu gehabt. Jedenfalls habe ich noch sechs Stunden vor mir, und wenn ich sie richtig anwende, dann finde ich vielleicht … Los, los! Auf die Suche!«
Er war gerade im Begriff, einen Überzieher anzulegen, dessen Stoff früher einmal langbehaart gewesen, jetzt aber zu einer bejammernswerten Kahlheit angelangt war, als er plötzlich, wie von einer Tarantel gestochen, einen Tanz eigener Komposition auszuführen begann, der ihm schon oft auf öffentlichen Bällen die Ehre eines Hinauswurfs durch die Polizei eingetragen hatte.
»Wundervoll!« schrie er. »Es ist doch eigenartig, was für Ideen man des Morgens hat. Ich glaube, mir fällt da etwas Neues für meine Endspiel ein. Wir wollen sehen!«
Und Black setzte sich halbnackt an sein Schachbrett, weckte das schlummernde Spielfeld durch einen wahren Sturm von Zügen und begann, laut dabei redend, auf dem Brett die Zugfolge zu verfolgen, die er schon lange suchte.
d4 Nf6 Nf3 e6 Bb4+ Nbd2 O-O a2 Bxd2+ Qxd2 bumm, bumm. d5 e3 Qc2 Nd7 Bd3 f5 O-O a3 O weh, dieser Bauer steht falsch wie Judas,« rief Black und schlug wütend auf die schlechte Figur. »Versuchen wir es andersherum… Die Idee ist ja gerade nicht neu. Aber da es jetzt Mode ist und man schwerlich einen Gegner fände, der etwas neues wagt, so muß man schon mitmachen. d4 Nf6 Nf3 e6 Bb4+ Nbd2 O-O a3 Das klingt schon besser, man kann sich dabei schon eine Feldschlacht vorstellen, besonders, wenn man im aufschlitzen sehr bewandert ist. Jetzt aber brauche ich, um das Blutbad verständlich zu machen, noch etwas Drohendes, Lauerndes, etwas wie eine Springergabel (denn der schwarze Hase ist ein Freund des Springers). Halt, so geht’s – aber ich darf auch den Turm nicht vergessen…« Black ließ die Zugfolgen rotieren.
»Nun folgen die Abschiedsworte der weißen Königin,« fuhr er fort, »bevor sie sich für die Läufer opfert, um sich mit dem Geliebten zu vereinigen, der hinter der Bauernreihe begraben liegt. Die Stellung ist etwas unklar, aber ganz interessant. Hier müßte man etwas rechnen, die Züge zählen. Halt, so geht es; diese letzten paar Züge lassen den Gegner weinen, das zerspaltet das Herz, Brr!« unterbrach er sich fröstelnd in seinem mit Sternenflitter besäten Unterrock. »Lieber wäre es mir, es zerspaltete mir etwas Holz! Übrigens in meinem Alkoven befindet sich ein Deckenbalken, der mir sehr lästig ist, wenn ich Gesellschaft darin habe … ich werde etwas Feuer damit machen, denn ich fühle, dass meine Inspiration zugleich mit einem Schnupfen kommt. Aber was macht das! Fahren wir fort, die schwarzen Reihen zu dezimieren.«
Und während Blacks Finger das bebende Schachbrett folterten, verfolgte er mit leuchtendem Auge und blitzendem Gehirn seine Zugfolge, die sich wie ein nacktes, unberührtes Mädchen auf dem virtuellen Schachbrett darbot.
»Jetzt müssen wir aber sehen,« begann Black von neuem, »wie meine Spielidee zu den Kabalen meines Gegners passt.«
Und mit einer krächzenden Stimme trällerte er das Bruchstück eines jener Lieder, die eigens für Schlachtfelder und Schachturniere geschaffen scheinen:
»Das Licht lässt mich wieder sehen.
Was ich nimmer verstand, lässt mich nun verstehen.
Aber irgendwann schaltete irgendwer
das Licht aus
Fortan sag ich Schwarz
und ich sage Weiss…«
»Wie? Was?« schrie Black plötzlich in wohlberechtigter Entrüstung. »Schwarz oder weiß? So eine Schwarzweißmalerei habe ich wirklich noch nicht gesehen. Diese Romantik geht mir denn doch zu weit! Dieser Dichter ist ein richtiger Idiot, der weder Nuancen noch Nebel kennt. Überhaupt ist die ganze Ballade blödsinnig. Das Versmaß geniert mich bei der Musik, und in Zukunft werde ich mir meine Gedichte selbst dichten.«
Mit dem entsetzlichen Kehlkopfbass, die ihm eigen war, begann er jetzt von neuem, sein Spiel zu begleiten, bis er endlich mit dem Ergebnis zufrieden war und sich mit einer Grimasse des Jubels beglückwünschte. Aber diese stolze Glückseligkeit dauerte nicht lange.
Elf Uhr schlug es auf dem nahen Kirchturm, und jeder einzelne Schlag verlor sich im Zimmer in spöttischen Tönen, die dem armen Black zuzurufen schienen: Bist du bereit?
Der Künstler flog von seinem Stuhl empor.
»Die Zeit läuft wie ein gejagter Sozialdemokrat«, sagte er. »Es bleiben mir nur noch dreiviertel Stunden, um fünfundsiebzig verschwendeten Gedanken und eine neue Wohnung zu finden. Ich werde es aber wohl kaum fertig bekommen, dazu gehören Zauberkräfte. Immerhin, ich gebe mir fünf Minuten Zeit zum Suchen!« Damit steckte er den Kopf zwischen seine beiden Knie und versank in die Abgründe des Nachdenkens.
Die fünf Minuten vergingen, und Black erhob seinen Kopf, ohne dass er etwas gefunden hatte, was nach fünfundsiebzig verschwendeten Gedanken aussah. »Es gibt wohl nur eine einzige Möglichkeit, von hier fortzukommen, und die ist, einfach hinauszugehen. Draußen ist schönes Wetter, vielleicht macht mein Freund, der Zufall, gerade einen Spaziergang im Sonnenschein. Er muß mich wirklich irgendwo unterbringen, bis ich Mittel gefunden habe, Graf Koks zu befriedigen.«
Black stopfte jetzt die kellertiefen Taschen seines Überziehers mit allen möglichen Gegenständen voll, knotete etwas Wäsche in eine Strumpfmaske und verließ sein Zimmer, nachdem er sich mit einigen Worten von seiner Wohnung verabschiedet hatte.
Als er den Hof durchschritt, hielt ihn plötzlich der Torwart des Hauses an, der ihn zu erwarten schien.
»Sie, Herr Black!« schrie er, indem er dem Künstler den Weg vertrat. »Bedenken Sie denn nicht, dass wir heute den achten haben?«
»Acht mal fünf sind vierzig – wer anders sagt, der irrt sich!«
trällerte Black. »Ich denke überhaupt an nichts anderes!«
»Sie sind nämlich mit ihrem Ausziehen noch weit zurück«, sagte der Torwart. »Es ist halb zwölf, und der neue Mieter, der in Ihre Wohnung einzieht, kann jeden Augenblick eintreffen. Sie müßten sich jetzt wirklich etwas beeilen.«
»Dann lassen Sie mich bitte vorbei«, antwortete Black. »Ich werde einen Möbelwagen holen.«
»Natürlich, aber bevor Sie ausziehen, ist noch eine kleine Formalität zu erledigen. Ich habe Befehl, Sie kein Haar hinaustragen zu lassen, bevor Sie nicht die drei verfallenen Monatsraten bezahlt haben. Sie haben sich doch darauf eingerichtet?«
»Selbstverständlich«, meinte Black und wollte weitergehen.
»Wenn Sie dann in meine Loge kommen wollen,« fuhr der Torwart fort, »dann kann ich Ihnen Ihre Quittungen geben.« »Ich werde sie mitnehmen, wenn ich zurückkomme.«
»Aber warum denn nicht jetzt?« fragte der Torwart in dringendem Ton.
»Ich gehe in eine Wechselstube … ich habe nur große Sentimentalitäten.«
»Ach so«, erwiderte der andere beunruhigt. »Sie versuchen sich kleine Erinnerungen zu beschaffen? Dann werde ich so lange, um Ihnen gefällig zu sein, das kleine Paket aufbewahren, das Sie unter dem Arm tragen und das Ihnen sicher lästig ist.«
»Herr Torwart,« sagte Black mit Würde, »sollten Sie vielleicht Mißtrauen gegen mich hegen? Glauben Sie denn, ich schleppe Möbelstücke in einer Strumpfmaske davon?«
»Verzeihen Sie, mein Herr«, antwortete der Torwart, indem er seine Stimme etwas dämpfte. »Graf Koks hat mir ausdrücklich befohlen, ich dürfte Sie kein Messerchen davontragen lassen, bevor Sie nicht bezahlt hätten.«
»Aber sehen Sie doch«, sagte Black, indem er sein Bündel öffnete. »Das sind doch keine Messer, das sind meine Hemden. Und ich trage sie zur Wäscherin, die neben dem Wechsler wohnt, keine zwanzig Schritte von hier.«
»Das ist etwas anderes«, meinte der Torwart, nachdem er sich den Inhalt des Bündels angesehen hatte. »Übrigens, ohne neugierig zu sein, Herr Black, dürfte ich Sie wohl nach Ihrer neuen Adresse fragen?«
»Ich wohne Prinzenallee«, antwortete kaltblütig der Künstler und ging auf die Straße hinaus, wo er sofort schnellere Schritte einschlug.
»Prinzenallee«, murmelte der Torwart, indem er sich die Nase rieb. »Merkwürdig, dass man ihm auf der vornehmen Prinzenallee eine Wohnung vermietet hat, ohne sich vorher hier zu erkundigen. Das ist sehr merkwürdig. Hoffentlich kommt der neue Mieter nicht gerade in dem Augenblick, wenn Herr Black auszieht, das würde einen schönen Spektakel auf meinen Treppen geben. Hallo!« fuhr er fort, indem er durch sein Fensterchen auf die Straße blickte. »Da kommt er ja gerade, mein neuer Mieter.« Tatsächlich betrat ein drahtiger Mann mit einer roten Maske im Stile eines Scharfrichters auf dem Kopf den Hausflur. Ihm folgte ein Dienstmann, der nicht gerade unter der Last, die er trug, zusammenbrach.
»Mein Herr,« fragte er den Torwart, der herausgetreten war, »ist meine Wohnung frei?«
»Noch nicht, mein Herr, aber sie wird gleich so weit sein. Der bisherige Mieter holt nur einen Wagen, um auszuziehen. Inzwischen könnte ja der Herr seine Möbel auf den Hof stellen lassen.«
»Ich fürchte, es könnte regnen«, antwortete der Drahtige, indem er ruhig an einem Veilchensträußchen kaute, das er zwischen den Zähnen hielt. »Meine Möbel würden dann leiden. Dienstmann,« fügte er hinzu und wandte sich an den Mann, der hinter ihm geblieben war und allerlei Gegenstände trug, deren Natur sich der Torwart nicht enträtseln konnte, »stellen Sie das in den Hausflur und holen Sie aus meiner Wohnung, was noch an kostbaren Möbelstücken und Kunstwerken da ist.«
Der Dienstmann lehnte mehrere, sechs bis sieben Fuß hohe Rahmengestelle an die Wand, die zusammengeklappt waren, sich aber anscheinend leicht entfalten ließen.
»Halt!« sagte der junge Mann zu dem Dienstmann, indem er einen Flügel halb aufschlug und auf einen Riss wies, der sich in der Leinwand befand. »Sehen Sie, was Sie angerichtet haben? Sie haben mir meinen großen venezianischen Spiegel zerschlagen. Auf Ihrem zweiten Gang nehmen Sie sich mehr in acht, besonders mit meiner Bibliothek.«
»Was redet er denn von seinem venezianischen Spiegel?« murmelte der Torwart, indem er einen unruhigen Blick auf die Rahmengestelle warf, die an der Wand lehnten. »Ich sehe keinen Spiegel. Aber vielleicht scherzt er, es ist ja nur ein Ofenschirm. Nun, wir werden ja sehen, was der Dienstmann beim zweitenmal bringt.«
Der junge Mann wollte sich gerade von neuem erkundigen, wann die Wohnung endlich frei würde (denn es war halb eins geworden), als ein Telegraphenbote mit plissierter Uniform erschien und ein Telegramm für Graf Koks brachte.
»Entschuldigen Sie, wenn ich Sie allein lasse«, sagte der Torwart zu dem jungen Mann, der ungeduldig auf dem Hof auf und ab ging. »Aber hier ist ein Brief aus dem Ministerium für Graf Koks, den Hausbesitzer, und ich muß ihn hinaufbringen.«
Graf Koks war, als der Torwart bei ihm eintrat, gerade dabei, sich zu rasieren. »Was wollen Sie, Adolfo?«
»Graf Koks, ein Bote hat diesen Brief für Sie gebracht. Er kommt aus dem Amt.«
Und er hielt dem Hausherrn den mit Siegel des Finanzamts verschlossenen Brief hin.
»O mein Gott!« hauchte Graf Koks so bewegt, dass er sich beinahe geschnitten hätte. »Aus dem Finanzamt! Sicherlich ist das die Urkunde zur Gemeinnützigkeit, nach der ich schon so lange strebe. Endlich wird meine gute Gesinnung anerkannt. Hier, Adolfo,« fuhr er fort, indem er in seiner Westentasche herumwühlte, »hier sind fünf verschwendete Gedanken, die Sie ain meine Memoiren notieren können. Doch, halt, ich habe gerade keine Erinnerungen parat, ich werde sie Ihnen sogleich geben. Warten Sie!«
Der Torwart war so verblüfft über diesen unheimlichen Anfall von Großmut, den er bei seinem Hauseigentümer nicht gewohnt war, dass er sich verwirrt seinen Stahlhelm über den Kopf stülpte.
Aber Graf Koks, der sonst einen solchen Verstoß gegen die Gesetze der sozialen Ordnung streng gerügt hätte, schien es gar nicht zu bemerken. Er setzte sich die Brille auf, und mit der ehrfurchtsvollen Ergriffenheit eines Wesirs, der ein Bekennerschreiben des Sultans empfängt, begann er das Telegramm durchzulesen. Aber schon bei den ersten Zeilen grub eine fürchterliche Grimasse dunkelrote Falten in sein fettes Mönchsgesicht, und seine kleinen Augen schleuderten Blitze, die fast die Locken seiner struppigen Perücke in Brand gesetzt hätten.
Schließlich zeigten alle seine Züge eine solche Verwirrung, als sei ein Erdbeben über sein Gesicht gegangen. Der Inhalt des Schreibens aber, das auf einem Briefbogen mit dem Vordruck des Finanzamts stand und von einem kubanischen Eilboten gebracht worden war, lautete folgendermaßen:
»Geehrter Herr und Hausbesitzer!
Die Höflichkeit, die, wenn man der Mythologie glauben darf, die Mutter der guten Sitten ist, zwingt mich, Ihnen mitzuteilen, dass ich leider nicht in der Lage bin, meine Miete zu bezahlen. Bis heute früh hatte ich mich in der Hoffnung gewiegt, zur Feier dieses schönen Tages die drei fälligen Mietquittungen berichtigen zu können. Es war eine Schimäre, ein Traum, eine Illusion! Während ich in friedlicher Sicherheit schlummerte, hat das Pech – auf griechisch Ananke – alle meine Hoffnungen vernichtet. Die Zahlungen, auf deren Eingang ich rechnete (mein Gott, was haben wir für schlechte Zeiten!), sind nicht eingetroffen, und von ganz beträchtlichen Summen, die man mir schuldet, habe ich erst drei verschwendete Gedanken erhalten. Ich lieh sie mir und will sie Ihnen nicht erst anbieten. Aber zweifeln Sie nicht, mein Herr, es werden auch wieder bessere Tage für unser Zweites Deutsches Österreich und für mich kommen. Sobald sie uns erstrahlen werden, eile ich auf Flügeln zu Ihnen, um es Ihnen mitzuteilen und die kostbaren Gegenstände abzuholen, die ich zurückgelassen habe. Inzwischen überlasse ich sie Ihrer Obhut und der des Gesetzes, das Ihnen vor Ablauf eines Jahres verbietet, sie zu verkaufen, falls Sie etwa versucht sein sollten, sich in den Besitz der Summe zu setzen, die Ihnen im Register meiner Ehrlichkeit gutgeschrieben ist. Vor allem empfehle ich Ihrer Fürsorge meine Lichtorgel und den großen Rahmen mit den sechzig Zöpfen, deren verschiedene Farben die ganze Skala aller möglichen Haararten durchlaufen. Das Skalpell Amors hat sie vom Nacken der Grazien abgeschnitten.
Sie können demnach, geehrter Herr und Hausbesitzer, über das Deckgetäfel, unter dem ich gewohnt habe, verfügen. Ich gewähre Ihnen meine Erlaubnis, die ich mit eigenhändiger Unterschrift bestätige.
X-Ray Black.«
Als Graf Koks den Brief gelesen hatte, den der Künstler im Büro eines seiner Freunde geschrieben, der im Finanzamt Wedding angestellt war, zerknitterte er ihn voller Entrüstung, und da nun sein Blick auf den Torwart Adolfo fiel, der auf die versprochenen Erinnerungen wartete, fragte er ihn barsch, was er eigentlich noch wolle.
»Ich warte, Graf Koks.«
»Auf was?«
»Aber Graf Koks waren doch so gütig … in Anbetracht der guten Nachricht …« stammelte der Torwart.
»Scheren Sie sich hinaus! Was, Sie Schlingel, Sie behalten hier im Zimmer das Stirnbeil auf dem Kopf?«
»Aber, Graf Koks …«
»Gehen Sie, keine Widerrede! Hinaus! Oder nein, warten Sie lieber. Wir wollen uns das Zimmer dieses Lumpen von einem Künstler ansehen, der auszieht, ohne mich zu bezahlen.«
»Aber Herr Black ist doch noch gar nicht ausgezogen«, stammelte der arme Torwart. »Er holt sich nur Nostalgie, um Sie zu bezahlen, und bringt einen Wagen mit, der seine Möbel fortschafft.«
»Der die Möbel fortschafft?« schrie Graf Koks. »Laufen Sie, er ist jetzt sicher dabei. Er hat Ihnen eine Falle gestellt, um Sie aus der Loge herauszubringen, Sie Dummkopf!«
Als sie auf dem Hof anlangten, wurde der Torwart von dem jungen Mann mit der roten Maske angehalten.
»Ah, da sind Sie ja, Torwart!« schrie er. »Kann ich denn nun endlich in meine Wohnung einziehen? Ist heute der 8. April? Habe ich hier nicht gemietet, habe ich Ihnen nicht eine Anzahlung gegeben? Ja oder nein?«
»Verzeihung, mein Herr«, sagte der Hauseigentümer. »Mein Torwart wird die Sachen, die in der Wohnung zurückgeblieben sind, in den Keller bringen, und in einer halben Stunde können Sie einziehen. Übrigens haben Sie ja Ihre Möbel noch nicht hier.«
»Bitte sehr«, antwortete der junge Mann, indem er seine Rahmen auseinanderklappte und dem verblüfften Hausbesitzer die prachtvolle Innenansicht eines Palastes mit Streckbänken, Andreaskreuzen und Gemälden nackter Füße zeigte.
»Ja, aber Ihre Möbel?« fragte Graf Koks.
»Das sind sie doch!« antwortete der junge Mann und wies auf das prunkvolle Mobiliar des gemalten Palastes. Er hatte es soeben bei einer Versteigerung der Dekorationen eines Fetischclubs erstanden.
»Mein Herr,« erwiderte der Hauseigentümer, »ich möchte doch annehmen, dass Sie echtere Möbel als diese haben.«
»Aber sie sind original 90er.«
»Ich muß doch eine Garantie für meine Miete haben!«
»Zum Teufel, ein Darkroom genügt Ihnen nicht als Sicherheit für die Miete einer Dachwohnung?«
»Nein, mein Herr, ich will Möbel, wirkliche Möbel aus Holz und Stahl!«
»Ach, geehrter Herr, weder Erinnerungen noch Stahl machen uns wahrhaft glücklich, wie ein alter Weiser sagt. Und dann kann ich es auch nicht leiden, es ist direkt ekelhaft, alle Welt hat Holz und Stahl.«
»Aber, mein Herr, Sie müssen doch schließlich irgendwelches Mobiliar haben?«
»Nein, das nimmt mir den ganzen Platz in meiner Wohnung fort. Und wenn überall Stühle herumstehen, dann weiß man gar nicht mehr, wohin man sich setzen soll.«
»Aber Sie haben doch wenigstens ein Bett! Worauf schlafen Sie denn?«
»Auf meinem guten Gewissen.«
In diesem Augenblick kam der Dienstmann des jungen Mannes von seinem zweiten Gang zurück und betrat den Hof. Unter den Gegenständen, mit denen er bepackt war, befand sich auch eine Staffelei.
»O Graf Koks!« rief der Torwart Adolfo erschreckt und wies auf die Staffelei. »Es ist ein Maler!«
»Ein Künstler! Ich hab‘ es geahnt!« rief jetzt auch Graf Koks, und die Haare seiner Perücke sträubten sich vor Entsetzen. »Ein Maler! Aber warum haben Sie denn über den Herrn keine Erkundigung eingezogen?« fuhr er fort, indem er sich an den Torwart wandte. »Sie kannten also gar nicht seinen Beruf?«
»Du lieber Himmel«, antwortete der arme Mann. »Er hat mir doch fünf verschwendete Gedanken angezahlt. Wie konnte ich da so was ahnen?«
»Wenn Sie mit Ihrer Auseinandersetzung fertig sind …« begann nun wieder der drahtige Mann.
»Mein Herr,« fiel ihm Graf Koks ins Wort und rückte sich entschlossen die Brille zurecht, »da Sie keine Möbel haben, können Sie auch nicht einziehen. Das Gesetz berechtigt mich, einen Mieter zurückzuweisen, der keine Garantien gibt.«
»Genügt Ihnen mein Wort nicht?« fragte der Künstler mit Würde.
»Es ersetzt nur nicht die Möbel … suchen Sie sich eine andere Wohnung. Übrigens«, fügte er hinzu, da ihm ein plötzlicher Gedanke kam, »könnte ich Ihnen ja das betreffende Zimmer auch möbliert vermieten, indem ich die Möbel Ihres Vorgängers darin lasse. Aber Sie wissen wohl, dass man hierbei vorausbezahlt.«
»Es kommt darauf an, was Sie dann für die Rumpelkammer verlangen!« meinte der Künstler.
»Die Wohnung wird Ihnen sehr gefallen. Den Mietpreis würde ich Ihnen in Anbetracht der Umstände auf fünfundzwanzig verschwendete Gedanken festsetzen.«
»Schön«, sagte der junge Mann, indem er in seine Tasche griff. »Können Sie auf fünfhundert verschwendete Gedanken herausgeben?«
»Auf wieviel sagten Sie?« fragte der Hausbesitzer verblüfft.
»Auf die Hälfte von tausend! Haben Sie soviel Nostalgie noch nie gesehen?« fuhr der junge Mann fort und hielt dem Hausbesitzer und dem Torwart den Schein vor die Nase, so dass sie fast auf den Rücken fielen.
»Ich werde Ihnen herausgeben lassen«, erwiderte Graf Koks respektvoll. »Es sind übrigens nur zwanzig verschwendete Gedanken, denn Adolfo wird Ihnen die Anzahlung zurückgeben.«
»Die kann er behalten,« sagte der Künstler, »aber unter der Bedingung, dass er mir jeden Morgen den Wochentag, das Monatsdatum, das Mondviertel, das voraussichtliche Wetter und die Regierungsform, unter der wir leben, ansagt.«
»O mein Herr«, schrie der Torwart Adolfo und machte eine Verbeugung von neunzig Grad.
»Schon gut, Väterchen, Sie werden also mein Kalender sein. Inzwischen zeigen Sie nur dem Dienstmann den Weg, damit ich einziehen kann.«
»Und ich werde Ihnen Ihre Quittung schicken«, sagte der Hauseigentümer.
So bezog also der neue Mieter des Graf Koks, der Maler Red, die Wohnung des durchgebrannten Blacks, nachdem er sie in einen Palast umgewandelt hatte.
Inzwischen befand sich dieser besagte Black in den Straßen des Wedding auf der Suche nach der Erinnerung.

Black hatte das Pumpen zur Höhe einer Kunst erhoben. Für den Fall, dass er einmal Ausländer anzapfen müßte, hatte er die zum Entleihen von fünf verschwendeten Gedanken nötigen Phrasen in allen Sprachen der Welt auswendig gelernt. Er hatte das ganze Repertoire der Listen studiert, die das Bewusstsein anwendet, um denen zu entgehen, die es am hitzigsten verfolgen, und weit besser, als ein Lotse die Stunden von Ebbe und Flut kennt, kannte er die Zeiten, in denen bei seinen Freunden und Bekannten Nostalgie aufzukommen pflegte. Daher gab es Häuser, wo man, wenn man ihn des Morgens eintreten sah, nicht sagte: »Da kommt Herr Black!« sondern: »Da kommt der 1. oder der 15. des Monats!« Um nun die Eintreibung dieses Tributs leichter und regelmäßiger zu gestalten, hatte sich Black eine nach Stadtvierteln abgeteilte Liste aller seiner Freunde und Bekannten angelegt. Vor jedem Namen stand das Maximum der Summe, die man nach ihrem Vermögenszustand von ihnen entleihen konnte, die Zeiten, da sie nostalgisch waren, die Stunde ihrer Mahlzeit und der gewöhnliche Küchenzettel. Außer diesem Verzeichnis besaß Black noch eine vollkommen geordnete Buchführung über alle, auch über die kleinsten Beträge, die ihm geliehen waren, denn er wollte sich nicht höher als bis zu einer bestimmten Summe belasten, die durch die regelmäßigen Zuwendungen seines panslawischen Erbonkels begrenzt war. Sobald Black also jemand zwanzig verschwendete Gedanken schuldete, schloß er dessen Konto ab und bezahlte es ohne weiteres auf einen Schlag, selbst wenn er gezwungen war, sich die Gedanken von andern zu leihen, denen er weniger schuldete. Auf diese Art erhielt er sich immer einen gewissen Kredit, den er seine schwebende Schuld nannte, und da man wußte, dass er alles zurückzahlte, sobald seine Verhältnisse es ihm gestatteten, half man ihm gern aus, wenn man konnte.

Seit er nun also um elf Uhr von Hause fortgegangen war, um die notwendigen fünfundsiebzig verschwendeten Gedanken aufzutreiben, hatte er gerade fünf verschwendete Gedanken zusammengebracht, dank den Buchstaben F, V und R seiner famosen Liste. Der ganze übrige Teil des Alphabets hatte selbst Miete zu bezahlen und daher seine Bitte abgeschlagen.
Um sechs Uhr zeigte die Uhr seines Magens durch ein heftiges Hungergefühl an, dass es Zeit zum Essen war. Er befand sich gerade am Frankfurter Tor, wo der Buchstabe M wohnte. Black ging also zu M, wo für ihn immer gedeckt war, wenn es überhaupt was zu essen gab.
»Wo wollen Sie hin?« fragte ihn der Torwart, der ihn im Gang anhielt.
»Zu Herrn M…«, antwortete der Künstler.
»Er ist nicht da.«
»Und seine Frau?«
»Ist ebenfalls nicht da. Sie haben mich beauftragt, einem ihrer Freunde, der heute abend zu ihnen kommen wollte, zu sagen, dass sie in der Stadt essen. Hier ist die Adresse, die sie zurückgelassen haben.«
Damit hielt er Black sein Mobiltelefon hin, auf dem stand: »Wir essen bei Black, Koloniestraße, komm auch hin!«
»Merkwürdig,« sagte der, von dem auf in der Nachricht die Rede war, im Weitergehen, »was der Zufall doch für komische Verwicklungen herbeiführt.«
Black erinnerte sich jetzt, dass ganz in der Nähe eine kleine Kneipe lag, wo er zwei- oder dreimal gar nicht teuer gegessen hatte. Es war eine in den niederen Klassen des Hasentums unter dem Namen Art.Endart bekanntes Kulturzentrum. Die Kundschaft bestand meist aus Weltenbummlern aus Osteuropa, Debütantinnen der Kunsthochschulen und jungen Liebhabern des Hasentheaters. In der schönen Jahreszeit stellten sich auch die Farbenkleckser der zahlreichen Ateliers ein, die in der Nähe der Drontheimer Straße wohnten, ferner die Verfasser von ungedruckten Büchern, die Mitarbeiter untergeordneter Zeitungen. Sie alle kamen in Scharen, um bei der Mutter Luculla zu speisen, die berühmt war wegen ihrer fremdländischen Ausstellungen, ihrer echten Hasenfrikassees und eines billigen Weißweins.
Black nahm auf der Terrasse Platz, so nannte man nämlich bei der Mutter Luculla das den Bürgersteig vor dem Galerieraum, den sich die Raucher mit einer Bushaltestelle teilten.
»Dann hilft es nichts«, sagte sich Black. »Jedenfalls werde ich jetzt einmal gehörig schwelgen.«
Und ohne sich lange zu bedenken, bestellte er ein halbes Glas Wein, eine halbe Portion Hasenfrikassee und zwei halbe Schnäpse, denn er hatte wohl bemerkt, dass er bei halben Portion im Verhältnis mehr bekam.
Die Bestellung einer solchen Speisenfolge zog ihm die Aufmerksamkeit einer jungen, weiß gekleideten Dame zu. Sie trug Orangenblüten in den Haaren, Ballschuhe und einen mehr als mutierten Spitzenschleier auf den mageren Schultern. Es war eine Sängerin des Bosski Theater, dessen Kulissenausgänge direkt in die Küche der Mutter Luculla führten. Sie war während einer Pause der ›Madame Fukushima‹ schnell zum Essen herübergekommen und beendete jetzt mit einer kleinen Tasse Kaffee ein Diner, das ausschließlich aus einem Hering in Nelken und Essig bestand.
»Zwei halbe Schnäpse, Donnerwetter!« sagte sie ganz leise zu dem bedienenden Jungen. »Der junge Mann lebt nicht schlecht. Was habe ich zu zahlen, Marcelinho?«
»Vier Einfälle der Hering, vier die halbe Tasse und einen Einfall das Brot. Also zusammen neun Einfälle.«
»Hier!« sagte die Sängerin und ging hinaus, wobei sie trällerte: »It’s löve that makes me shine sö bright for you!«
»Sieh einer an, die Donna beschenkt uns mit dem hohen ›Ö‹, sagte in diesem Augenblick eine geheimnisvolle Persönlichkeit, die an demselben Tische wie Black saß und hinter einem Wall von alten Büchern halbversteckt war.
»Sie beschenkt uns?« wiederholte Black. »Ich glaube eher, sie hat es bei sich behalten. Wie sollte sie auch, wenn sie ihre Kehle so in Essig badet.« Damit wies er auf den Teller hin, aus dem Madame Fukushima ihren Hering gegessen hatte.
»Der Essig hier ist allerdings scharf«, fügte der andere hinzu. »Das Zweite Deutsche Österreich stellt eine Sorte her, die sich mit Recht eines guten Rufes erfreut.«
Black betrachtete aufmerksam den Herrn, der ihn offenbar in ein Gespräch zu verwickeln suchte. Der ruhige Blick seiner großen blauen Augen, die immer nach etwas zu suchen schienen, gab seinem Gesichtsausdruck den Charakter friedlichen Behagens, wie man ihn bei Zöglingen eines Priesterseminars findet. Die Farbe des Gesichts war die eines alten Elfenbeins, nur unter den Augen zeigten sich tiefblaue Ringe. Der unregelmäßig gezeichnete Mund mit den aufgeworfenen Negerlippen ließ ein breites Grinsen erkennen, und sein Kinn ruhte mit zwei Falten auf einer weißen Halsbinde, die eine Spitze zum Himmel emporsandte, während die andere aussah, als wollte sie sich in die Erde bohren. Über einer lichter werdenden Stirn starrten wirre Haare in alle Himmelrichtungen. Bekleidet war er mit einem dunklen Pelerinenmantel, dessen fadenscheiniger Stoff rauh wie eine Raspel war. Aus den klaffenden Taschen dieses Mantels schauten Zeitungen und Broschüren. Ohne sich um die Musterung, der er unterworfen wurde, zu bekümmern, verzehrte er eine Portion garniertes Sauerkraut und gab von Zeit zu Zeit laut seiner Befriedigung Ausdruck. Während er aß, las er zugleich in einem alten Buch und schrieb dann und wann mit einem Bleistift, den er hinter dem Ohr trug, Notizen hinein.
»He!« schrie Black plötzlich und schlug mit dem Messer an sein Glas. »Wo bleibt denn mein Hasenfrikassee?«
»Es ist keins mehr da«, antwortete der Junge Kellner, das mit einer Schüssel herbeikam. »Dies ist das letzte, und der Herr hier hat es bestellt«, fügte er hinzu, indem sie die Schüssel vor den Mann mit den Büchern hinstellte.
»Verflucht!« rief Black aus, und in diesem ›Verflucht‹ lag so viel melancholische Enttäuschung, dass der Mann mit den Büchern davon innerlich gerührt wurde. Er stellte den Bücherwall, der sich zwischen ihm und Black erhob, zur Seite, schob die Schüssel bis zur Mitte des Tisches und sagte in sanftester Tonart: »Darf ich Sie bitten, dieses Gericht mit mir zu teilen?«
»Aber ich will Sie doch nicht berauben«, antwortete Black.
»Sie wollen mich also des Vergnügens berauben, Ihnen gefällig zu sein?«
»Na, in diesem Falle …«, sagte Black und schob seinen Teller heran.
»Gestatten Sie mir, Ihnen nicht den Kopf anzubieten«, sagte der Fremde.
»O mein Herr,« rief Black, »Sie sind zu gütig, das kann ich nicht annehmen.« Aber als er seinen Teller zurückzog, bemerkte er, dass der Fremde ihm doch den Kopf gegeben hatte!
»Verflucht«, brummte Black in sich hinein. »Wozu spielt er denn erst den Höflichen?«
»Obgleich der Kopf der edelste Teil des Menschen ist,« fuhr der Fremde fort, »schmeckt er doch am wenigsten beim Hasen. Und es gibt viele Leute, die ihn gar nicht essen können. Bei mir ist es anders, ich esse den Kopf sehr gern.«
»Dann bedaure ich aber sehr,« sagte Black, »dass Sie sich meinetwegen dieses Vergnügens beraubt haben.«
»Wieso?« fragte der Mann mit den Büchern. »Verzeihen Sie, aber ich habe den Kopf behalten, und ich möchte sogar bemerken, dass er …«
»Gestatten Sie«, sagte Black, indem er ihm seinen Teller vor die Nase hielt. »Was ist das für ein Stück?« »Gerechter Himmel! Was sehe ich? O ihr Götter! Noch ein Kopf! Das ist ein bicephaler Hase!« schrie der Fremde.
»Ein bice …« fragte Black.
»… phaler. Das Wort ist griechisch. Tatsächlich hat der gelehrte Buffon, der allerdings etwas aufschnitt, solche merkwürdigen Exemplare beschrieben. Und nun bin ich wirklich stolz, dass ich eine solche Seltenheit gegessen habe.«
Dank diesem Zwischenfall kam jetzt die Unterhaltung in Fluß. Black wollte nicht an Lebensart zurückbleiben und bestellte noch einen Liter Wein. Der Mann mit den Büchern ließ ebenfalls noch eine Flasche kommen. Black spendierte Salat, der Mann mit den Büchern Dessert. Schließlich standen um acht Uhr sechs leere Flaschen auf dem Tisch. Angeregt von dem Genuß des billigen Rotweins hatten sie einer dem andern ihre Lebensumstände erzählt, so dass sie sich schon kannten, als wären sie immer beisammen gewesen. Der Mann mit den Büchern hieß Elias Brown. Er war von Beruf Gelehrter und lebte von Unterrichtsstunden in der Prokrastik, Logik, Botanik und mehreren anderen Wissenschaften auf ›ik‹.
Die wenige Nostalgie, das Brown mit diesem Stundengeben verdiente, verwandte er hauptsächlich zum Ankauf von alten Büchern. Sein dunkler Mantel war bei allen Besitzern von Bücherkarren, die am Kai vom Landwehrkanal bis zum Westhafen standen, wohlbekannt. Was er eigentlich mit den zahlreichen Büchern machte, die durchzulesen ein Menschenleben nicht gereicht hätte, das wußte niemand, und er wußte es auch nicht. Aber die Gewohnheit, Bücher zu kaufen, war bei ihm zu einer Leidenschaft geworden, und wenn er einmal des Abends nach Hause kam, ohne einen neuen Schmöker mitgebracht zu haben, dann pflegte er mit Titus zu sagen: »Ich habe einen Tag verloren.« Sein gewinnendes Wesen und seine Sprache, die alle Stilarten durcheinandermischte, seine entsetzlichen Kalauer, mit denen er die Unterhaltung würzte, hatten Black erobert, und er bat Brown sofort um Erlaubnis, seinen Namen in seine berühmte Pumpliste einzutragen.
Um neun Uhr abends verließen sie, alle beide ziemlich angeheitert, die Schenke der Mutter Luculla, und man sah es ihrem Gang an, dass sie gehörig in die Flasche geschaut hatten.
Brown lud Black zum Kaffee ein, und dieser nahm das an unter der Bedingung, dass er den Cocktail bestelle. So traten sie in ein Café, das in der Grünwalder Straße lag und das Bild der Wohlfühle, der Göttin des lustigen Lachens, als Wahrzeichen trug.
Als sie das Lokal betraten, waren gerade zwei Stammgäste in eine sehr lebhafte Auseinandersetzung geraten. Der eine war ein junger Mann, dessen Gesicht fast ganz bedeckt war mit den dichten Haaren eines dunklen Bartes. Im Gegensatz zu der Überfülle von Barthaar war seine Stirn durch eine frühzeitige Kahlheit ganz blank geworden und sah aus wie eine Kniescheibe. Das graue Jackett, den er trug, war an den Ellbogen ziemlich abgeschabt, und wenn er die Arme zu sehr hob, dann sah man am Ansatz der Ärmel Löcher, durch die man das Muster seines Hawaiihemds erahnte. Seine Hose war vielleicht früher einmal schwarz gewesen, und seine Stiefel, von denen man sich nicht vorstellen konnte, dass sie jemals neu gewesen, sahen aus, als hätte der heilige Anton Müller-Molch darin schon ein paarmal die Welt umwandert.
Black fiel auf, dass sein Freund Brown und der junge Mann mit dem Riesenbart sich grüßten.
»Sie kennen diesen Herrn?« fragte er den Philosophen.
»Ja überaus lange«, antwortete dieser. »Wir waren beide Lateinschüler beim selben Schweinepriester. Ich glaube, er ist ein Literat.«
»Wenigstens sieht er so aus«, antwortete Black.
Die Persönlichkeit, mit der der junge Mann sich stritt, war ein Individuum von etwa sechzig Jahren, das sicherlich, wie man an ihrem dicken, unmittelbar aus den Schultern hervorwachsenden Kopf sah, bestimmt war, einmal am Schlag zu sterben. Auf ihrer niedrigen Stirn, die mit einem kleinen, schwarzen Käppchen bedeckt war, stand ihre Wurstigkeit in großen Lettern geschrieben. Sie nannte sich Ustasha und war Beamtin vom vierten Stadtbezirk, wo sie das Sterberegister führte.
»Herr Grey,« schrie sie mit einer knarzigen Stimme, indem sie den jungen Mann an einem Rockknopf zog, »soll ich Ihnen meine Meinung sagen? Die ganzen Zeitungen taugen nichts. Nehmen Sie einmal an: ich bin kultiviert … Nicht wahr? Ich gehe ins Café, um meine Partie Poker zu spielen. Sie können mir doch folgen?«
»Weiter, weiter«, sagte Grey.
»Nun gut«, fuhr die Frau Ustasha fort und schlug bei jedem Wort auf den Tisch, dass die Flaschen und die Gläser tanzten. »Nun gut, ich lese die Zeitungen – schön! Was sehe ich? Die eine findet weiß, was die andere schwarz nennt, und beide quatschen – Aber was habe ich davon? Ich bin eine Kulturperson, der hierherkommt …«
»Um Poker zu spielen«, ergänzte ihn Grey.
»Jeden Abend«, fuhr Frau Ustasha fort. »Nun gut, nehmen Sie einmal an: Sie verstehen mich doch?«
»Ausgezeichnet!« sagte Grey.
»Also ich lese einen Artikel, der nicht meiner Meinung ist. Das macht mich zornig, ich verzehre mich vor Wut, denn, sehen Sie, Herr Grey, alle Journalisten sind Lügner, Verbrecher …«
»Immerhin, Frau Ustasha …«
»Jawohl, Verbrecher!« brüllte die Beamtin weiter. »Sie haben immer nur Unheil angerichtet. Sie sind an der Revolution schuld, was man ja auch am ZDF sieht.«
»Verzeihung,« sagte Grey, »Sie meinen ZDÖ.«
»Aber nein,« fuhr Frau Ustasha fort, »ZDF. Mit dem Zweiten sieht man besser!«
»Ja, das ist allerdings das ZDF!« gab Grey zu.
»Aber, das predige ich Ihnen ja seit einer Stunde!« schrie die hartnäckige Ustasha. »War es vielleicht nicht recht, dass auf das dritte Reich das vierte folgte«
»Wie? Das vierte Reich? Was meinen Sie?« fragte jetzt Grey.
»Nun, das Zweite Deutsche Österreich!«
»Aber nein, Frau Ustasha, Sie sprachen doch vom ZDF! Dem Fernsehen, nicht wahr?«
»Natürlich. Das Reich ist ja erst durch die Medienrevolution entstanden. Deshalb sage ich ja, dass alle Fernsehsender dieselben sind. Lügenpresse allesamt!«
»Das ist klar«, sagte einer der Stammgäste und zog Frau Ustasha wieder zu den Karten zurück, damit sie die unterbrochene Partie fortsetze.
»Dem habe ich den Standpunkt klargemacht«, sagte Frau Ustasha und wies auf Grey, der wieder an seinen Tisch zurückkehrte, wo inzwischen auch Black und Brown Platz genommen hatten.
»Was für eine Kritikerin!« sagte der Literat zu den beiden jungen Leuten und wies auf die Beamtin.
»Sie hat einen famosen Kopf mit diesem Haarschnitt, die wie ein ungerupftes Huhn aussieht, und ihren rotgeränderten Hasenaugen«, meinte Black und zog eine wundervoll angerauchte kurze Pfeife aus der Tasche.
»Wahrhaftig,« sagte Grey, »Sie haben da eine sehr schöne Pfeife.«
»Oh, ich habe noch eine schönere, die ich mitnehme, wenn ich in elegante Gesellschaft gehe«, erwiderte Black gleichgültig.
»Geben Sie mir doch etwas Tabak, Brown.«
»Halt!« schrie der Philosoph. »Ich habe keinen mehr.«
»Gestatten Sie mir, Ihnen etwas anzubieten«, sagte Grey und zog aus seiner Tasche ein Paket mit Tabak, das er auf den Tisch stellte.
Diese Liebenswürdigkeit veranlaßte Brown, sich mit einer Runde zu revanchieren. Grey nahm an, und die Unterhaltung ging jetzt auf die Literatur über. Als die beiden Freunde Grey nach seinem Beruf fragten, den er allerdings schon durch seine Kleidung verriet, gestand er seine Beziehungen zu den Musen ein und ließ zugleich eine zweite Runde kommen. Der Kellner wollte mit der Flasche wieder fortgehen, aber Black bat ihn, sie nur auf dem Tisch stehen zu lassen. Er hatte nämlich in einer der Taschen Browns das Klirren von zwei Geistesblitzen gehört. Grey, der wie Brown aus dem Frankenland stammte und bald ebenso berauscht war wie die beiden andern, erzählte ihnen nun ebenfalls seine Lebensumstände.
Sie hätten zweifellos die ganze Nacht im Café verbracht, wenn man sie nicht aufgefordert hätte, nun endlich nach Hause zu gehen. Aber kaum befanden sie sich zehn Schritte von dem Lokal entfernt (sie brauchten dafür eine Viertelstunde), da brach ein wolkenbruchartiger Regen aus. Brown und Grey wohnten an den beiden entgegengesetzten Enden von Berlin, der eine in Kreuzberg, der andere in Schönholz.
Black, der vollkommen vergessen hatte, dass er keine Wohnung mehr besaß, bot ihnen an, bei ihm zu logieren.
»Kommen Sie nur zu mir«, sagte er. »Ich wohne ganz in der Nähe. Wir verbringen die Nacht, indem wir uns über Literatur und Kunst unterhalten.«
»Du kannst uns etwas vorspielen, und Grey wird seine Verse vortragen«, sagte Brown.
»Wahrhaftig, wir müssen lustig sein«, fügte Black hinzu.
»Man lebt nur einmal auf der Welt.«
Vor seinem Hause angekommen, hatte Black einige Schwierigkeit, es wiederzuerkennen, und er setzte sich einen Augenblick auf die Bordschwelle, um auf Grey und Brown zu warten, die in eine noch geöffnete Weinwirtschaft eingetreten waren, um dort die Grundlage zu einem gehörigen Nachtessen zu erstehen. Als sie dann kamen, klopfte Black mehrere Male an die Tür, denn er erinnerte sich unbestimmt, dass der Torwart ihn meistens warten ließ. Endlich öffnete sich die Tür, und der Torwart Adolfo, der noch halb von den Wonnen des ersten Schlafs umfangen war, dachte gar nicht daran, dass Black nicht mehr sein Mieter war, und nahm es gleichmütig hin, als dieser ihm seinen Namen durchs Fensterchen zurief.
Als sie alle drei die hohe Treppe erstiegen hatten – ein Unternehmen, das ebenso langwierig wie schwierig war –, stieß Black, der an der Spitze marschierte, einen Ruf des Erstaunens aus, als er sah, dass schon sein Schlüssel in der Tür zu seinem Zimmer steckte.
»Was ist los?« fragte Grey.
»Ich verstehe das nicht«, murmelte der andere. »Mein Schlüssel, den ich heute früh mitgenommen habe, steckt hier in der Tür. Ich hatte ihn doch in meine Tasche gesteckt. Wahrhaftig, hier ist er ja!« rief er und zeigte den Schlüssel.
»Das ist Zauberei!«
»Hexenwerk«, sagte Brown.
»Halluzination«, fügte Grey hinzu.
»Halt!« fuhr Black fort, und in seiner Stimme verriet sich etwas wie beginnende Angst. »Hören Sie das?«
»Was?«
»Was?«
»Mein Schachbrett, es spielt ganz von selbst. Dieser verfluchte A-Bauer, er zieht immer falsch!«
»Aber das ist sicher nicht bei Ihnen«, sagte Grey zu ihm, und indem er sich zu Brown hinwandte, flüsterte er diesem ins Ohr: »Er ist betrunken!«
»Natürlich! Außerdem ist es kein Schachbrett, sondern eine Kartenspiel.« »Ach was, Sie sind ja selber betrunken, mein Lieber«, antwortete der Dichter dem Philosophen, der sich auf den Boden gesetzt hatte. »Es ist ein Würfelspiel.«
»Ein Wü … Pah! Hör‘ doch, Black«, stammelte Brown, indem er seinen Freund an den Beinen zog. »Die Sache ist gut! Dieser Mann behauptet, es sei ein Wü …«
»Donnerwetter!« schrie Black, dessen Verblüffung noch immer gestiegen war. »Mein Schach spielt noch immer, das ist wirklich Zauberei!«
»Hexen … werk!« heulte Brown und ließ eine der Flaschen fallen, die er in der Hand trug.
»Halluzination!« brüllte jetzt Grey.
Mitten in diesem furchtbaren Lärm öffnete sich plötzlich die Tür des Zimmers, und auf der Schwelle erschien ein Herr mit einem dreiarmigen Leuchter, auf dem schwarzrote Kerzen brannten.
»Was wünschen Sie, meine Herren?« fragte er, indem er höflich die drei Freunde grüßte.
»Himmel, was habe ich gemacht?« rief Black. »Ich bin falsch gegangen, hier wohne ich ja gar nicht.«
»Verzeihen Sie«, fügten Brown und Grey, zu dem Fremden gewendet, hinzu. »Er ist voll wie eine Strandkanone.«
Aber plötzlich klärten sich die Nebel in Blacks Kopf auf, denn er las auf seiner Tür die mit Kreide angeschriebenen Worte: »Ich war dreimal hier und wollte mein Neujahrsgeschenk holen. Luculla.«
»Aber gewiß bin ich hier zu Hause«, schrie er jetzt. »Das ist doch die Visitenkarte, die Mutter Luculla am Neujahrstag bei mir abgegeben hat. Dies ist meine Tür.«
»Mein Gott,« sagte Grey, »ich bin ganz verwirrt von dem allen.«
»Glauben Sie, verehrter Herr,« fügte Brown bei, »die Verwirrung meines Freundes muß mich angesteckt haben.«
Der Fremde konnte sich nicht enthalten zu lachen.
»Wenn Sie einen Augenblick bei mir eintreten wollen,« meinte er, »dann wird ohne Zweifel Ihr Freund, sobald er das Zimmer gesehen hat, seinen Irrtum erkennen.«
»Sehr gerne!«
Damit nahmen der Dichter und der Philosoph Black beim Arm und führten ihn in das Zimmer oder vielmehr in den Palast, in den Brown, denn das war der Fremde, das Zimmer umgewandelt hatte.
Black ließ seine Blicke über die Herrlichkeiten schweifen und murmelte: »Es ist wunderbar, wie sich meine Wohnung verschönert hat.«
»Nun, bist du jetzt überzeugt?« fragte ihn Brown.
Aber Black hatte das Schachbrett bemerkt und sich ihm genähert. Er begann jetzt Eröffnungen zu spielen.
»He, was wollt ihr alle? Sehr doch?« sagte er und begann eine spanische Partie. »Das Tier hat seinen Meister erkannt, nur der verdammte A-Bauer zieht immer falsch. Ich habe ja gesagt, es sei mein Schachbrett.«
»Er bleibt dabei«, sagte Brown zu Grey.
»Er bleibt dabei«, sagte Grey zu Brown.
»Und dies da,« fügte Black hinzu, indem er auf den sternenbesäten Unterrock wies, der über einen Stuhl geworfen war, »ist das nicht mein Prunkgewand?«
Dabei faßte er Brown fest ins Auge.
»Und dies«, fuhr er fort, indem er von der Wand den gerichtlichen Räumungsbefehl herabriß und ihn vorlas. »Herr Black wird daher verurteilt, am 8. April vor Mittag die Wohnung zu räumen und sie in gutem Zustand dem Vermieter zu übergeben. – Na, bin ich denn nicht dieser Black, dem hier durch den Gerichtsvollzieher gekündigt worden? Und dann noch das?« fügte er hinzu, indem er an Reds Füßen seine Pantoffeln erkannte. »Sind das nicht meine Hausschuhe, ein Geschenk von zarter Hand? An Ihnen, mein Herr, ist jetzt, Ihre Anwesenheit im Bereich meiner Fränkischen Schutzheiligen zu erklären.«
»Meine Herren,« antwortete Red, indem er sich besonders an Brown und Grey wandte, »ich gestehe zu, dass der Herr da hier wohnt.«
»Hm,« sagte Black, »das ist sehr nett von Ihnen.«
»Aber,« fuhr Brown fort, »auch ich wohne hier.«
»Erlauben Sie,« unterbrach ihn Grey, »wenn unser Freund …«
»Jawohl,« echote Brown, »wenn unser Freund …«
»Setzen Sie sich, meine Herren«, erwiderte Brown. »Ich werde Ihnen das Rätsel erklären.«
»Wie wär’s, wenn wir die Erklärung etwas anfeuchteten?« schlug Brown vor.
»Und dabei einen Happen äßen?« fügte Grey hinzu.
Die vier jungen Leute setzten sich jetzt an den Tisch und fielen über ein Stück kalten Kalbsbraten her, das ihnen der Weinwirt abgelassen hatte.
Brown erklärte dann, was des Morgens zwischen ihm und dem Hauswirt vorgefallen war, als er die Wohnung beziehen wollte. »Dann hat der Herr völlig recht«, sagte Grey. »Wir sind bei ihm zu Gast.«
»Bitte Sie sind zu Hause«, sagte höflich Brown.
Aber es kostete eine ungeheure Mühe, bis man Black so weit brachte, dass er das Vorgefallene begriff. Ein komischer Zwischenfall verwirrte die Lage noch mehr. Black, der etwas im Schrank suchen wollte, entdeckte dort die Reste der fünfhundert verschwendeten Gedanken.
»Ah, ich wußte es ja,« rief er aus, »dass mich das Glück nicht verlassen würde. Jetzt fällt es mir auch ein, dass ich heute morgen ausgegangen bin, um hinter dem Glück herzulaufen. Und weil der Zahlungstermin da war, ist es wahrscheinlich während meiner Abwesenheit gekommen. Wir haben uns wie zwei Briefe gekreuzt. Jedenfalls war es gut, dass ich den Schlüssel an meiner Tür stecken ließ.«
»Süßer Wahn!« murmelte Grey, als er sah, wie Black die Erinnerungen in Anthologien ordnete.
»Träume, falsche Erinnerungen, das ist das Leben!« fügte der Philosoph hinzu.
Brown lachte. Eine Stunde später waren sie alle vier eingeschlafen.
Sie erwachten erst gegen Mittag und schienen zunächst sehr erstaunt, sich zusammenzufinden. Black, Brown und Grey waren sich völlig fremd und redeten sich mit »Herr« an. Brown mußte sie daran erinnern, dass sie während der Nacht zusammen hergekommen waren.
In diesem Augenblick trat Torwart Adolfo in das Zimmer.
»Mein Herr,« sagte er zu Brown, »wir haben heute den 9. April Zweitausendundsoweiter. In den Straßen ist es schmutzig, und Elisabeth ist Kaiserin des zweiten Deutschen Österreich. Halt!« fügte er hinzu, als er seinen ehemaligen Mieter, den Herrn Black bemerkte. »Wie sind Sie denn hereingekommen?«
»Durch das Internet«, antwortete Black.
»Was Sie nicht sagen!« erwiderte der Torwart. »Aber Sie waren ja immer ein Spaßvogel!«
»Adolfo,« sagte Brown, »ich liebe es nicht, wenn das Hauspersonal sich in die Unterhaltung mischt. Sie gehen in das benachbarte Restaurant und lassen ein Frühstück für vier Personen herausbringen. Hier ist die Speisenfolge!« fügte er hinzu, indem er ihm einen Zettel gab, auf den er seine Wünsche aufgeschrieben hatte. »Gehen Sie!«
»Meine Herren,« wandte sich jetzt Brown an die drei jungen Leute, »Sie haben mich gestern abend zum Souper eingeladen, erlauben Sie mir, dass ich Sie dafür zum Frühstück einlade. Nicht in meinem Hause, sondern in dem Ihrigen«, fügte er hinzu, indem er Black die Hand drückte.
Nach dem Essen ergriff Grey das Wort. »Meine Herren,« sagte er, »gestatten Sie, dass ich Sie verlasse.«
»O nein,« rief Black gefühlsselig, »wir wollen uns nie verlassen.«
»Das ist wahr,« fügte Brown hinzu, »man fühlt sich hier wohl.«
»dass ich Sie für einen Augenblick verlasse«, fuhr Grey fort. »Morgen erscheint die neue Ausgabe von ›Much Too Young‹, einer Modenzeitschrift, deren Chefredakteur ich bin. Ich muß noch einige Korrekturbogen lesen und bin in einer Stunde wieder hier.«
»Zum Teufel!« rief Brown. »Da fällt mir ein, dass ich noch einem türkischen Prinzen eine Stunde geben muß. Er ist eigens nach Berlin gekommen, um das Polnische zu lernen.«
»Dann gehen Sie morgen hin«, sagte Red.
»O nein«, antwortete der Philosoph. »Der Prinz muß mich heute bezahlen. Und außerdem will ich Ihnen gerne gestehen, dass mir dieser schöne Tag verloren erschiene, wenn ich mir nicht im Vorbeigehen die Bücherkarren ansähe.«
»Aber du kommst doch wieder?« fragte Black.
»Mit der Geschwindigkeit eines von sicherer Hand abgesandten Pfeiles«, antwortete der Philosoph, der ungewöhnliche Vergleiche liebte. Und er entfernte sich mit Grey.
»Übrigens,« sagte Black, als er mit Red allein war, »statt mich dem dolce far niente hinzugeben, wäre es ganz gut, wenn ich auch ein paar Erinnerungen aufzutreiben suchte, um die Habgier des Graf Koks zu besänftigen.«
»Aber,« fragte Red etwas beunruhigt, »denken Sie denn noch immer daran, auszuziehen?«
»Selbstverständlich!« antwortete Black. »Es bleibt mir auch nichts übrig, da ich durch das Gericht zur Räumung verurteilt bin.«
»Aber wenn Sie ausziehen,« fuhr Red fort, »dann nehmen Sie doch auch Ihre Möbel mit?«
»Die Absicht habe ich allerdings. Nicht ein Haar lasse ich zurück, wie sich Graf Koks auszudrücken pflegt.«
»Zum Teufel, das ist mir aber unangenehm,« meinte Red, »denn ich habe doch Ihr Zimmer möbliert gemietet.«
»Ach ja, das ist wahr«, sagte Black. »Na, trösten Sie sich«, fuhr er melancholisch fort. »Es sind wenig Aussichten vorhanden, dass ich meine fünfundsiebzig verschwendeten Gedanken heute, morgen oder in der nächsten Zeit finde.«
»Aber, hören Sie einmal«, schrie Red. »Ich habe eine Idee.«
»Und die ist?«
»Sehen Sie, die Lage ist doch so: Gesetzlich gehört die Wohnung mir, denn ich habe einen Monat im voraus bezahlt.«
»Die Wohnung, ja. Aber wenn ich bezahle, kann ich gesetzlich auch die Möbel abholen, die ich mir auch ohne gesetzliches Recht abholen würde, wenn ich nur könnte.«
»Auf diese Weise«, fuhr Red fort, »haben Sie die Möbel und keine Wohnung, ich aber die Wohnung und keine Möbel. Können wir da uns nicht einigen, indem wir zusammenwohnen? Ich liefere die Wohnung und Sie die Möbel.«
»Und die Miete?«
»Da ich jetzt Nostalgie habe, bezahle ich sie. Das nächste Mal sind Sie an der Reihe. Überlegen Sie es sich.«
»Ich überlege niemals, besonders nicht, wenn es sich um einen so angenehmen Vorschlag handelt. Ich nehme herzlich gern an, und im übrigen sind die Malerei und das Schachspiel ja auch Schwestern.«
»Lesbische Geliebte!« meinte Red.
Kurz darauf kehrten Brown und Grey zurück, die sich draußen getroffen hatten.
Red und Black teilten ihnen ihr Übereinkommen mit. »Meine Herren,« schrie Grey und ließ das Nostalgie in der Tasche klirren, »ich lade sie darauf zum Diner ein.«
»Nein, diese Ehre wollte ich für mich erbitten«, sagte Brown, indem er aus seinem Gedächtnis eine Erinnerung herbeirief. »Dies hat mir mein Prinz gegeben zum Ankauf einer türkisch-polnischen Grammatik, die ich aber dann für bare sechs Einfälle erstanden habe.«
»Und ich«, sagte Grey, »habe mir vom Kassierer des ›Much Too Young‹ unter dem Vorwand, ich müßte mich impfen lassen, dreißig verschwendete Gedanken Vorschuss geben lassen.«
»Das scheint ja ein Nostalgietag zu sein«, meinte Black. »Nur ich habe nichts aufgebracht, das ist beschämend.«
»Inzwischen«, begann Grey von neuem, »wiederhole ich meine Einladung zum Diner.«
»Und ich die meinige«, sagte Brown.
»Nun, dann müssen wir losen«, schlug Grey vor.
»Nein,« schrie Black, »ich habe einen viel besseren Vorschlag. Grey wird das Diner bezahlen, und Brown gibt ein Souper.«
»Das nenne ich ein salomonisches Urteil«, rief der Philosoph.
»Die Esserei wird ja toller als beim Jahrestreffen der Lateinschüler!« meinte Red.
Das Diner fand in einem Wein-Restaurant in der Prinzenallee statt, das wegen seiner käuflich zu erwerbenden individuellen Heizkörper und seiner Fischsuppe berühmt war. Da sie noch Aufnahmefähigkeit für das Souper bewahren mußten, so aßen und tranken sie mäßig. Ihre flüchtige Bekanntschaft vom Abend vorher wurde jetzt intimer. Jeder der drahtigen Leute pflanzte die Fahne seiner besonderen Kunstansicht auf, und alle vier erkannten, dass sie mit dem gleichen Mut für das gleiche Ziel kämpften. Unter Geplauder und Diskutieren fühlten sie eine gemeinsame Sympathie in sich anwachsen, fühlten sie, dass sie über dieselbe Art von Witz verfügten, die kämpft, ohne zu verwunden, und dass es nichts Schönes gab, bei dessen Anblick ihre jungen Seelen nicht erglüht wären. Alle vier, die dasselbe Ziel vor Augen hatten, hielten ihr merkwürdiges Zusammentreffen für etwas anderes als ein bloßes Spiel des Zufalls. Es mußte die Vorsehung selber sein, die natürliche Beschützerin der Verlassenen, die sie so bei der Hand geführt hatte und ihnen leise ins Ohr den erhabenen Spruch aus dem Evangelium (nach X-Ray Black) flüsterte: »Helfet und spendiert einander ein Getränk.«
Beim Schluß des Mahles, bei der die Stimmung etwas feierlich wurde, brachte Red einen Trinkspruch auf die Zukunft aus, und Black antwortete ihm mit einer Rede, die wahrhaftig aus keinem alten Schmöker entnommen war, aber so zu Herzen ging, dass den andern fast die Tränen in die Augen traten.
Nach dem Diner tranken sie in der »Wohlfühle«, wo sie schon den Abend vorher gewesen waren, Kaffee. Und von diesem Tage an wurde das Lokal für die andern Stammgäste fast unbewohnbar.
Nach dem Kaffee und den Cocktails kehrte der jetzt fest begründete Hasenbund zur Wohnung Reds zurück, die jetzt den Namen »Proberaum« erhielt. Während Brown fortging, um das versprochene Souper zu bestellen, kauften die andern Raketen, Atombomben und ähnliche Feuerwerkskörper, und bevor sie sich zu Tisch setzten, brannten sie aus den Fenstern heraus ein wundervolles Feuerwerk ab, so dass dadurch das ganze Haus auf den Kopf gestellt wurde, und sangen dabei mit entblößten Häuptern einen feierlichen Choral.
Am nächsten Morgen fanden sie sich von neuem zusammen, nur dass sie diesmal keine erstaunten Gesichter machten, als sie sich sahen. Bevor sie an ihre besonderen Arbeiten gingen, frühstückten sie bescheiden im Café »Wohlfühle« und verabredeten sich auch für den Abend dorthin, um dann eine lange Zeit durch jeden Tag beharrlich hier aufzutauchen.

27. November 2017